Porzellanfabriken

Thomas Marktredwitz

Nachdem im weiteren Umland bereits überall Porzellanfabriken entstanden waren, wurde auch in Marktredwitz im Jahre 1897 durch die Brüder Christoph und Wilhelm Jaeger aus Asch in Böhmen und Fritz Thomas aus Hof die erste Porzellanfabrik mit zunächst mit 3 Öfen begründet. Für die Standortwahl dürften neben den oben bereits berührten Gründen vor allem auch die günstige Verkehrslage von Marktredwitz entscheidend gewesen sein. Das Werk, dessen Alleininhaber seit 1936 Herr Heinz Jaeger, ein Enkel des Gründers, ist, wurde in den 6 Jahrzehnten seines Bestehens beständig erweitert und vergrößert. Zu den ersten drei Rundöfen kamen später noch drei weitere Brennöfen und 1955 drei Tunnelöfen dazu. Ausgerüstet mit modernen Betriebseinrichtungen, vornehmen Verkaufs- und zweckdienlichen Versand- und Verladeräumen, gehört das Werk zu den deutschen Qualitätsfabriken, die sich ausschließlich mit der Herstellung von Tafel- und Kaffeegeschirren und einer umfangreichen Kollektion von Geschenkartikeln befassen. Diese fanden einen von Jahr zu Jahr steigenden Absatz im In- und Ausland.

Die zweite Porzellanfabrik in Marktredwitz besteht nach der Eintragung im Handelsregister seit 30. Mai 1903. Gründer waren der Keramiker Fritz Thomas und der Chemiker Paul Ens, der eine Mitbegründer, der andere leitender Mitarbeiter der ersten Redwitzer Porzellanfabrik. Sie hatten sich 1903 selbständig gemacht, von der protestantischen Kirchenverwaltung einen sehr günstigen Baugrund unmittelbar an der Bahnlinie nach Eger erworben und bis zum Frühjahr 1904 den Fabrikbau erstellt, in dem sie am 20. März (1904) mit einer Belegschaft von 133 Personen den Betrieb mit 3 Brennöfen zu je 60 cbm aufnahmen.

Wie glorreich der Aufstieg dieses Unternehmens gewesen ist, das nach manchen zeitbedingten Rückschlägen heute wieder eine Belegschaft von mehr als 1000 Köpfen aufweist, mag daraus erhellen, daß die Fabrik bereits 1929 für rund 69 Millionen RM Porzellan exportieren, 1950 den Vorkriegsstand des Versandes wieder erreichen und die Versandziffer von 1948 verdoppeln konnte. So gingen denn auch im Jahre des fünfzigjährigen Bestehens des Betriebes die altbewährten Thomas-Service „Gloriana“ (von Prof. Wilhelm Wagenfeld 1953 entworfen), „Ariadne“ (von Prof. von Wersin 1938/39 geschaffen) und „Julika“ zusammen mit einer mannigfaltigen Geschenkartikel- und Vasenkollektion wieder in alle Welt. Nicht minder bekannt und gesucht sind die Thomas-Spezialservice, namentlich die Jagd-, Fisch-, Obst- und Kinderservice (letztere mit Bildern aus dem Zwergenreich von Prof. Paul Lothar Müller, München).

Wie gut es aber der Leitung von Thomas gelungen ist, auch die Erzeugnisse der 1921 angegliederten Abteilung „C“ auf den Markt und an den Mann zu bringen, geht daraus hervor, daß der Umsatz dieser Spezialabteilung im Jahre 1954 das Elffache des Umsatzes von 1936 erreicht hat. Diese Spezialabteilung stellt Porzellan für chemisch-technische Zwecke her, besonders Laboratoriumsporzellane, Tauchformen für die Anfertigung nahtloser Gummiwaren, Kapillarrohre und Trägerkörper für elektrische Widerstände. Wer die Leistung noch mehr an Zahlen abzulesen versteht, dem sei mit- geteilt, daß die in den Öfen der Thomasfabrik vom 22. März 1904 bis zum 22. März 1954 gebrannten Porzellane aneinandergereiht eine Strecke von 47000 km, also mehr als die Länge des Erdumfanges, ergeben würden. An Masse wurden dafür 3284 Waggons Rohmaterial und zum Brand — Porzellan entsteht bei einem verhältnismäßig hochgradigen Brennprozeß von über 1400 Grad C — 11800 Waggons Kohle gebraucht.

Nachzutragen ist noch, daß die Porzellanfabrik F. Thomas seit 1909 im Bunde der Rosenthal AG geführt wird, daß 1928 die kleine aber dennoch leistungsfähige Porzellanfabrik Thomas & Co., Sophiental bei Bayreuth (2 Rundöfen von je 34 cbm; 100 Arbeitskräfte) zunächst pachtweise übernommen und nach gründlicher Erneuerung 1937 für die Rosenthal Porzellan AG käuflich erworben und der Thomasfabrik verwaltungsmäßig angeschlossen worden ist.

Zu den beiden älteren Porzellanfabriken „Jaeger“ und „Thomas“ hat sich seit 1950 noch ein jüngerer Betrieb, die „Kerafina-Porzellanfabrik GmbH“ gesellt, die heute bereits mit einer Belegschaft von 175 Frauen und Männern in der Hauptsache porzellinerne Geschenkartikel aller Art, technisches Porzellan für Textilmaschinen und Wasserleitungsarmaturen herstellt. Wenn sich auch Marktredwitz mit seinen Porzellanfabriken in der Menge der Produktion mit Selb, „der“ Stadt des „weißen Goldes“, nicht messen konnte, so hatte doch Marktredwitz infolge seiner günstigen Verkehrslage Vorteile, die es ganz von selbst zum Mittelpunkt im Geschäftsverkehr zwischen Porzellanfabrikanten und Porzellaneinkäufern werden ließen. Dieser Sachlage hatten sowohl die „Rosenthal AG“ als auch die „Sozialpolitische Außenstelle des Vereins der Keramischen Industrie“, die „Keramische Handelsgesellschaft“, der „Exportausschuß Keramik für das Bundesgebiet“ und der „Exportbevollmächtigte des bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft für die keramische Industrie“ ihren Sitz in Marktredwitz.