Allgemeines zur Kirchweih

Schon immer hatten Städte traditionelle Feste in ihrem Terminkalender, bei denen sich die Einwohner nach Möglichkeit ohne Unterschied des Standes, der Partei oder der Konfession zusammenfanden, um miteinander zu feiern. Dies traf natürlich auch auf die Landgemeinden zu, die mit der sogenannten „Kirchweih“ seit alters her ihren alljährlichen Festtag hatten.

Die Kirchweihen im Sechsämterland fanden nun nicht, wie etwa im Egerland oder in der Oberpfalz, an einem bestimmten Tag im Jahr statt. Jedes Dorf wollte vielmehr seine eigene Kirchweih haben und so war man ängstlich darauf bedacht, bei der Terminsetzung nach Möglichkeit keinem anderen Dorf „ins Gehege zu kommen“, damit die gegenseitigen Kirchweihbesuche auf keinen Fall beeinträchtigt wurden, ging es doch hauptsächlich um gutes Essen und Trinken und auch um die beliebten Besuche der Kirchweihtänze.

Die Hauptzeit der Kirchweih fiel in den Herbst. In der zweiten Septemberhälfte nahm sie ihren Anfang, hatte im Oktober ihren Höhepunkt und war Mitte November am Ende angelangt. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Aber nicht immer war der Herbst die Hauptzeit der Kirchweihen. Mitte des 19. Jahrhunderts fielen viele Feste in die Zeit um Johanni, also der Sonnenwende. Auch waren die Termine nicht in jedem Fall genau festgelegt. So kam es auch vor, dass in einem Dorf oft einzelne Häuser ihre Kirchweih nach Belieben feierten. Erst durch die Einführung der Kirchweihtänze ging man dazu über, feste Termine zu bestimmen. Jedes Dorf hatte damals einen „Tanzboden“ und nach der Erntezeit war dies auch ein willkommenes Vergnügen.

Anfänge der Erkersreuther Kirchweih

Einer der ersten Orte, der seine Kirchweih auf einen bestimmten Tag festsetzte, welcher in den Monat Oktober fiel, dürfte Erkersreuth gewesen sein. Warum dies so war, soll im folgenden erklärt werden: Es war Mitte der siebziger Jahre im 19. Jahrhundert, als man sich aus zwingenden Gründen entschließen musste, ein neues Schulhaus zu bauen, weil das alte Gebäude nicht einmal mehr den primitivsten Ansprüchen genügte. Mit dem Bau dieses Schulhauses ist im Jahre 1877 begonnen worden, zufällig auf dem Platz, wo heute die evangelische Kirche steht. Das Geld konnte nur schwer aufgebracht werden und so zog sich der Bau bis 1878 hin. Endlich konnte das Gebäude seiner Bestimmung übergeben werden und man legte für den feierlichen Einzug der Schuljugend den Montag, 28. Oktober 1878 fest. Die Weihe des neuen Hauses lag insbesondere in den Händen der Geistlichkeit von Selb, welcher auch die Schule unterstellt war. Gleichzeitig wurde von der damaligen Gemeindeverwaltung unter (freudiger) Zustimmung sämtlicher Ortsbewohner beschlossen, zur bleibenden Erinnerung der Weihe des Schulhauses – als Ersatz für eine Kirche – ein Kirchweihfest auf den vorausgehenden Sonntag festzulegen.

Wer den Kalender zur Hand nimmt, der findet, dass die Kirche (sowohl die Katholische als auch die Evangelische), als Namens- und Festtag am 28. Oktober die Namen „Simon und Judas“ verzeichnet. Damit war bestimmt, dass die Kirchweih in Erkersreuth jeweils am Sonntag vor Simon und Judas stattfindet, also frühestens am 21. und spätestens am 27. Oktober. Dieser Termin wurde bis heute eingehalten, auch wenn es in der Erkersreuther Bevölkerung über dieses Thema immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten kommt.

Der Zufall wollte es, dass 50 Jahre später die neuerbaute evangelische Kirche am 28. Oktober 1928 eingeweiht wurde, also genau am gleichen Tage wie 1878 die Schulhausweihe. Hier hat ein gütiges Geschick den Wunsch der damaligen Bürger in Erfüllung gehen lassen. Dies bedeutet auch, dass im Jahre 2003 die Erkersreuther Kirchweih mit dem 125jährigen Bestehen ein kleines Jubiläum feiern kann.

Kirchweihbräuche

Die Hauptarbeit während der Kirchweih fiel der Hausfrau zu. Sie war es, die schon mindestens eine Woche vorher mit der Reinigungsarbeit begann und alles Notwendige für Gaumen und Kehle bereitstellte. Zur Kirchweih sollte nur das Beste auf den Tisch kommen, was man sonst im Alltag nicht hatte. Insbesondere der Herbst sorgte für eine reichhaltige Tafel mit Wild, Fisch und Wild. Zudem wurden „Kirwakoichla“ (Krapfen) gebacken, die als Einladung an Freunde und Verwandte geschickt wurden. Dass man auch auf das äußere Aussehen des Dorfes Wert legte, war selbstverständlich. Aufräumen der Höfe und Säubern der Wege gehörten zu den unbedingt notwendigen Arbeiten. Am Kirchweihsonntag schließlich war die Hausfrau dafür verantwortlich, dass die Speisen auch allen mundeten und dass es keine Enttäuschung gab. Die weibliche Jugend trug mit Stolz das neue Kleid, während die männliche Jugend durch das Dorf zog und auf die allgemein übliche Frage: „Wer hout Kirwa?“ (Wer hat Kirchweih?) antwortete: „Mir ham Kirwa!“ (Wir haben Kirchweih).

Streng war auch die Rollenverteilung geregelt. Für die Männer stand es außer Frage, dass am Kirchweihfest ins Wirtshaus gegangen werden musste. Beim Wirt wurde dann ein Gansviertel oder ein Karpfen gegessen. Schon Mittags waren die Gaststätten voll und mancher Gast fand keinen Platz. Nach dem Abendessen kam dann auch die Frau zu ihrem Recht. Sie ging auf den Tanzboden und hielt nach ihrem angetrauten Gatten Ausschau, der sich dann auch aus den Wirtschaftslokalitäten einfand, um mit ihr einen „Dreher“ zu tanzen. Erkersresreuth war damals – und das ist durchaus erwähnenswert – das einzige Dorf in der Umgebung, das in der Gaststätte „Fickenscher“ einen richtigen Tanzsaal besaß und nicht „nur“ einen Tanzboden.

In Vergessenheit geraten ist das „Umgeigen“ am Kirchweihmontag. Die Jugend des Dorfes zog an diesem Tag mit Musik von Haus zu Haus, um überall ein Ständ- chen zu bringen. Einer trug einen Korb auf dem Rücken, um die Essens- und Ge- tränkegaben sicher zu verstauen. Ein anderer hatte eine brennende Laterne bei sich, um den Wunsch zu verdeutlichen, dass in den Häusern das Feuer im Herd niemals ausgehen würde. Ein Dritter hatte einen „Sprenger“ (Gießkanne) bei sich, der (die) mit Bier gefüllt war. Als Lohn für das Ständchen und die guten Wünsche erwartete man natürlich „Lohn“ in Form von Ess- und vor allem Trinkbarem. Das Umgeigen musste bis ein Uhr Mittag beendet sein, dann wurde die „Beute“ geteilt und der Rest des Tages (und auch der Nacht) im Wirtshaus fortgesetzt.

Wie man hört, soll es an solchen Tagen, insbesondere beim Tanz am Samstag Abend, zu einigen Handgreiflichkeiten gekommen sein. Man hat in diesem Zusam- menhang den Erkersreuthern auch die Eigenschaft eines rauflustigen Völkleins angehängt. Besonders dann, wenn junge Burschen aus den Nachbardörfern die Erkersreuther Mädchen zum Tanz aufforderten. Und wenn Fremde sich nicht zu derartigen Händeln herabließen, dann sollen sich die Ortseinwohner untereinander selbst in die Haare gekommen sein. Böse Zungen wollen sogar wissen, dass an den Tagen der Erkersreuther Kirchweih die Gendarmeriestation in Selb erhöhte Bere- itschaft hatte und dass man sich wunderte, wenn man bis zehn Uhr Abend noch nicht alarmiert worden war. Aber sicherlich ist hier mehr Dichtung als Wahrheit dabei – und wenn nicht, was soll´s! Keiner hat es dem anderen krumm genommen und im darauf folgenden Jahr waren alle wieder beisammen.

Es bleibt zu hoffen, dass die Erkersreuther Kirchweih weiterhin den starken Stellenwert behält, den sie schon immer hatte und bis heute besitzt. Eine neue Generation prägt gegenwärtig das Geschehen mit durchaus reizvollen Geschichten. So ist es sehr wahrscheinlich, dass auch in Zukunft in Erkersreuth gesagt werden kann: „Mir ham Kirwa!“


Formuliert von Dieter Wunderlich, 2002, nach einem Aufsatz von Johann Grießhammer aus dem Jahr 1928