Vom Handweberstädtchen zur grossen Porzellanstadt Selb
Noch im 19. Jahrhundert gehörte Oberfranken mit seiner dünnen Besiedlung und dem Mangel an Bodenschätzen zu den wirtschaftlich benachteiligten Randgebieten Deutschlands. Weit entfernt von bedeutenden Absatzmärkten, lebten viele Bauernfamilien in Selb zuletzt von Ackerbau und Hausweberei – ein Überlebenskampf, der nur durch höchste Eigenleistung möglich war. Selbst die erste Porzellanmalerei, die Carolus Magnus Hutschenreuther 1814 auf Burg Hohenberg initiierte, brachte kaum Auftrieb.
Ein verhängnisvoller Großbrand am 18. März 1856 zerstörte in Selb über 600 Häuser und beraubte unzählige Familien ihrer Heim- und Werkstätten. Die Stadtverwaltung stand vor der Mammutaufgabe, rasch Wiederaufbau und neue Arbeitsplätze zu schaffen. Bereits ein Jahr später nahm Lorenz Hutschenreuther seine erste Porzellanfabrik in Betrieb und legte damit den Grundstein für einen Branchenboom.
1857 noch auf verhältnismäßig unbekanntem Terrain, wurde Selb 1865 durch die Eisenbahnlinie Hof–Selb–Plößberg an das Fernverkehrsnetz angebunden. Die neue Station eröffnete 1866 Jakob Zeidler die Möglichkeit, unweit des Gleisanschlusses eine eigene Manufaktur zu gründen. Später übernahm Rosenthal dieses Werk (1917) und eröffnete dort Jahrzehnte danach ein Industriemuseum.
Der Sieg im Deutschen Krieg und die Reichsgründung 1871 entfachten eine Gründerwelle: Fabriken entstanden in Schönwald (1879), Rehau (Zeh Scherzer, 1880) und Arzberg (Carl Schumann AG 1881; Porzellanfabrik Arzberg 1886). Parallel begannen Porzellanmalereien wie Philipp Rosenthal (1879), Krautheim & Adelberg (1884) und Heinrich & Co. (1896, vormals nur Dekorateure) selbst mit der Produktion von Rohkeramik.
Die Mode der Nachahmung orientalischer Dekore, präsent auf der Weltausstellung 1873 in Wien, fand auch in Oberfranken Anhänger. Parallel suchten europäische Avantgardekünstler wie Paul Klee und August Macke Inspiration im Orient, während Architekten wie Walter Gropius und Le Corbusier maurische und seldschukische Einflüsse studierten. Diese kulturellen Strömungen spiegelten sich auch in Oberfranken in Dekoren und Ornamenten wider.
Zur Wende ins 20. Jahrhundert verlegte Rosenthal seinen Dekor- (1890) und Weißbetrieb (1891) endgültig nach Selb, wandelte sich 1897 zur Aktiengesellschaft und ergänzte sein Sortiment um Steindruck. Man passte sich rasch an französische Formen an, wandelte ab 1900 im Jugendstil und fertigte bereits Zierporzellan nach Entwürfen von Künstlern wie K.W. Diefenbach, Karl Gross und Adolf Opel.
Auf Kritik stieß 1901 die willkürliche Abwandlung von Künstlerentwürfen. 1910 reagierte Rosenthal mit der Gründung einer Kunstabteilung unter Julius-Wilhelm Guldbrandsen und eines Laboratoriums, das neue Glasur- und Farbrezepturen entwickelte. Auf der Brüsseler Weltausstellung präsentierte man 1910 mutige Zierobjekte, und zahlreiche Bildhauer des Jugendstils fanden Einzug in die Serienfertigung.
Obwohl Porzellanmaler bei Rosenthal vergleichsweise gut verdienten und das Unternehmen als Vorreiter sozialen Engagements galt – mit frühem Anspruch auf bezahlten Urlaub, Mutterschutz, Mitarbeiterwohnungen, Kinderkrippen und Schrebergärten –, blieb das Lohnniveau im Branchenvergleich niedrig. Ärztliche Langzeitstudien von 1909 belegten eine drastisch reduzierte Lebenserwartung durch Silikose. Notwendige Schutzmaßnahmen zögerten alle Hersteller noch Jahrzehnte hinaus.
Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs florierte auch die Produktion von Porzellan-Isolatoren für die Elektrifizierung. Doch Kriegswirtschaft, Inflation und Nachfragerückgänge zwangen 1915 zur Konzentration auf schlichte Gebrauchsgeschirre. Zwischen 1914 und 1949 prägten zwei Weltkriege, zwei Inflationen und die Weltwirtschaftskrise die Branche: Kriegsproduktion, Mangel an Rohstoffen und Zwangsarbeit dominierten, bevor sich nach amerikanischer Besatzung ab 1949 der Wiederaufbau forcieren ließ.
In den 1950er-Jahren folgte eine designorientierte Neuausrichtung: von amerikanischen und skandinavischen Einflüssen bis hin zu innovativen Formen wie dem „Schwangeren Luise“-Krug. Philip Rosenthal junior trieb als Werbeleiter und später als SPD-Politiker kulturelle Impulse voran – mit Ausstellungsreihen, Jazz- und Theaterveranstaltungen und einem Design-Award zur Förderung junger Talente.
1912 wurde die Betriebskrankenkasse der Rosenthal-Werke gegründet. Zur Durchführung der notwendigen Modernisierungsmaßnahmen zum Schutz vor Quarzstaublunge konnten sich die Verantwortlichen in der Porzellan herstellenden Industrie jedoch lange nicht entschließen. Bereits im Jahre 1909 hatte Dr. Franz Bogner, Assistentenarzt am Krankenhaus in Selb und später Bürgermeister, eine Langzeituntersuchung über die Krankheits- und Sterblichkeitsverhältnisse bei den Porzellanarbeitern veröffentlicht. Sein Ergebnis war alarmierend: Eine durchschnittliche Lebenserwartung von nur 44,2 Jahren. Schutzmaßnahmen wie Staubabsaugungen oder Atemmasken kamen erst Jahrzehnte später.
Dass die Brennöfen bei Temperaturen von über 50 Grad Celsius, oft sogar über 70 Grad, ausgeräumt wurden, war bis zur Anschaffung moderner Tunnelöfen nach dem Zweiten Weltkrieg üblich. Viele Arbeiter litten unter der Hitze, ihre Kleidung war durchgeschwitzt, und selbst die Fingernägel verbrannten teilweise. Im Jahr 1912 lag der Anteil der weiblichen Arbeitskräfte bereits bei rund 50 %. Sie waren vor allem als Druckerinnen, Malerinnen oder in Glasur und Packerei tätig.
Im selben Jahr hatte der allgemeine Aufschwung seinen Höhepunkt erreicht, doch bereits kurz darauf brachen die Märkte ein. 1915 stellte Rosenthal mit dem Service „Maria“ ein weißes, undekoriertes Geschirr vor, das zu einem der erfolgreichsten Porzellanprodukte aller Zeiten wurde. Die Jahre bis 1949 waren jedoch von Kriegen, Inflation und Wirtschaftskrisen geprägt. Während der Kriegsjahre dominierte die Produktion von einfachen Gebrauchsartikeln, Kantinengeschirr und militärischen Bedarfsgütern.
Um 1921 entstanden besonders farbenprächtige Aufglasurdekore mit reichen Poliergoldstaffagen nach Entwürfen des jungen Grafikers Kurt Wendler. Auch Tanzfiguren des Bildhauers Constantin Holzer-Defanti zeugen von der hohen Qualität der Glasuren und Malerei. Im Oktober 1923 brachte die Währungsreform kurzfristig Stabilität, doch bereits 1926 gingen die Inlandsverkäufe deutlich zurück, und auch die Exportzahlen schrumpften.
Ab Mitte der 1920er-Jahre waren viele Produkte des Kunstprogramms von Rosenthal bewusst weiß belassen. Parallel entstand eine Abteilung für Uhren- und Lampenfüße in Dresden. Im Stil von Art Déco und Rokoko fertigte man Vasen und Sammeltassen mit Silberornamenten. 1928 entwickelte Alexander Mathey ein sachliches Hotelgeschirr mit dezentem Randliniendekor – ganz im Geist der Neuen Sachlichkeit.
1929 richtete Philipp Rosenthal eine Stiftung für keramische Forschung und soziale Zwecke ein. Doch die Weltwirtschaftskrise brachte die Branche in eine tiefe Krise. 1932 nahm Rosenthal die Produktion von elektrischen Widerständen auf, doch gleichzeitig waren etwa ein Drittel der 14.000 Einwohner Selbs arbeitslos. Viele Familien lebten in großer Armut.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 änderten sich die Rahmenbedingungen grundlegend. Parteien und Gewerkschaften wurden verboten, Zwangsarbeiter kamen in den Fabriken zum Einsatz. Im April 1945 besetzten amerikanische Truppen kampflos die Region. Schon wenige Jahre später war die Porzellanindustrie wieder international konkurrenzfähig und stand 1949 für den Wiederaufbau bereit.
Ab 1950 gab es bei Rosenthal eine starke Orientierung an amerikanischem Design, später an skandinavischem Stil. Hohlplastiken von Hans Stangl und das bekannte „Maria“-Service prägten das Sortiment. Philip Rosenthal junior setzte zusätzlich auf kulturelles Engagement: Jazz-, Theater- und Kunstevents in Schloss Erkersreuth. 1969 gründete er die Rosenthal-Stiftung zur Förderung von Arbeitern und deren Kindern. Bis heute gilt er als Visionär, der die Verbindung von Kunst, Design und Industrie entscheidend vorantrieb.
Bereits Carolus Magnus Hutschenreuther legte 1814 in Hohenberg den Grundstein der regionalen Porzellantradition. Später prägte vor allem Rosenthal die Entwicklung – von der Gründung über die Studio-Line bis hin zu internationalem Renommee.
Im Stadtteil Plößberg wurde das ehemalige Zeidler-Werk nach 1987 als Porzellanikon umgebaut – ein europäisches Zentrum für Porzellangeschichte.
Bedeutende Künstler wie Kurt Wendler oder Constantin Holzer-Defanti schufen in dieser Zeit ikonische Dekore und Figuren.
Auch Nachbarorte wie Kirchenlamitz mit Winterling waren Teil des industriellen Netzwerks und stärkten Oberfrankens Stellung als „Porzellinerland“.
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